Willkommen in der Lei(h)stungsgesellschaft

Kurz vorm Urnengang kocht die Stimmung wohl doch nochmal auf. Während der bisherige Wahlkampf als einer der langweiligsten der letzten Jahrzehnte angesehen werden darf, scheint jetzt ein Thema allseitig diskutiert zu werden. Den Anlass dazu gab ein junger Pflegeschüler, der der Regierung Merkel in einer TV-Sendung umfängliches Versagen im Bereich der Pflegepolitik bescheinigte. Seitdem hat man von fast allen Parteien etwas zu dem Thema hören dürfen. Grade gestern versprach Martin Schulz einen „Neustart der Pflege“.  Die Augsburger Allgemeine griff das auf und befragte am 19.09. auf ihrer Internetseite ihre Leser: „Wie wichtig ist Ihnen das Thema Pflege bei der Bundestagswahl 2017?“
Um 18:30 konnte man sehen, dass 40 % der Befragten mit „sehr wichtig“ und 30 % mit „eher wichtig“ abgestimmt hatten. Natürlich ist das nicht wirklich repräsentativ, aber ein Hinweis auf die Bedeutung des Themas in einer alternden Gesellschaft ist das wohl allemal.

Warum aber redet man erst jetzt darüber? Die Antwort ist wohl denkbar einfach. Jetzt passt es rhetorisch ganz gut in die Strategie. Das Thema wurde öffentlichkeitswirksam angeprangert. Darauf nicht zu reagieren wäre unklug. So funktionieren politische Duelle. Wenn wir uns die neuen Versprechungen aber vor dem Hintergrund der Taten der letzten Jahre anschauen, verblassen sie schneller, als sie ausgesprochen wurden. CDU und SPD, die beiden Regierungsparteien, hatten eine absolute Mehrheit im Bundestag. Es wäre die Zeit gewesen, sich auf den demografischen Wandel vorzubereiten und den Gesundheitssektor auszubauen. Stattdessen wird über Autos geredet. Keine Frage Autos sind wichtig, Ökologie ist wichtig. Es wird aber nicht über Autos geredet, weil Autos etwas ganz neues sind und Studien auf einmal gezeigt haben, dass ein Diesel nicht die beste Umweltbilanz hat. Es wird über Autos geredet, weil es eben grade öffentlichkeitswirksam ist. Die Politik hat sich in den letzten Jahrzehnten zusehends zu einem Showroom gewandelt. Das sieht man wohl am besten am Erstarken des Populismus.

Wenn wir nämlich ehrlich sind: Eigentlich redet man auch nicht erst über Pflege. Hunderte von Initiativen, Aktivisten und Institutionen warnen seit Jahren vor einem Pflegenotstand. Hinzu kommt der Mangel an Physiotherapeuten und MTAs, die nach wie vor in den meisten Fällen Schulgeld zahlen müssen, um einen gesellschaftliche so wertvollen Beruf überhaupt ergreifen zu können. Der Ärztemangel besteht schon länger, wird aber nur unzureichend bekämpft und ganz neu ist inzwischen wohl der Mangel an Rettungsfachpersonal. Die Zeitschrift „Rettungsdienst“ aus dem S-und-K-Verlag hat inzwischen einen Stellenmarktanteil von rund 10 Seiten. Noch vor 4 Jahren war er halb so klein. In diesem speziellen Fall hat wohl auch das neue Berufsbild des „Notfallsanitäters“ seinen Anteil daran, ein solches Problem aber alleine mit einem Wandel des Rettungsdienstes zu begründen, greift deutlich zu kurz.

Ein zunehmender Trend ist daher inzwischen die Leiharbeit. Vom Klinikalltag enttäuschte Pflegekräfte und Ärzte bereisen die Krankenhäuser und ambulanten Operationszentren ihrer Region und auch Rettungsdienstler können sich inzwischen über mehrere Agenturen bundesweit vermitteln lassen. Auch schon davor gab es im Gesundheitswesen Leiharbeit, sie fiel nur nicht so auf. Betroffen waren nämlich lediglich die Reinigungskräfte und der technische Service der Krankenhäuser, die man in Subunternehmen ausgliederte, die dann wiederrum Leiharbeiter beschäftigten. Damals noch hatten Zeitarbeitsfirmen einen furchtbaren Ruf. Sie bezahlten schlecht und man sagte ihnen nach, sie würden jeden nehmen, der nicht bei Drei auf einen Baum geklettert wäre. Das hat sich heute unter dem zunehmenden Druck des Arbeitnehmermarktes gewandelt. Oftmals sind die Arbeitsbedingungen bei Zeitarbeitsfirmen besser als in bestimmten Kliniken oder bei Rettungsdienstanbietern. Man muss zwar etwas flexibler sein und hat nicht immer die kürzesten Anfahrtswege, das aber ist insbesondere jungen Menschen häufig nicht so wichtig, wie ein interessantes Arbeiten ohne oder mit nur wenig Druck und eine anständige Bezahlung. Und der Druck ist tatsächlich für viele Zeitarbeiter geringer als er es noch im alten Klinik- oder Wachenalltag war, denn man ist auf einmal ein hinzugezogener Experte, der ein wenig den Zaungastspielt und eben nicht mehr dem Pool von überarbeiteten Vollzeitunternehmensstützpfeilern zugehörig. Man fühlt sich seinen Patienten und vielleicht auch seiner Leiharbeitsfirma verpflichtet, nicht aber so sehr dem aktuellen Auftragsgeber. Und selbst wenn man es dort doch mag, besteht häufig die Möglichkeit zur Übernahme.

Das klingt jetzt auf den ersten Blick so, als habe die „Gesundheitsfachkraft-Ich-AG“ nur Vorteile. Mit diesem für den Sozialstaat Deutschland relativen neuen Modell geht allerdings auch vieles verloren, was unserer Medizin und unserer Pflege immer gutgetan hat. Wir verlieren dabei die Vision eines Ortes, an dem Menschen eng zusammenarbeiten, füreinander Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas bewirken. Heraufbeschworen wird nun eine Arbeitswelt, in der Kollegen zu Konkurrenten um die besten Marktbedingungen werden. Eine ziemlich amerikanische, bzw. wirtschaftsliberale Perspektive auf ein System, das eigentlich auf Solidarität errichtet wurde.

Das der Liberalismus nichts Gutes für den sozialen Sektor bewirkt, ist hinlänglich bekannt. Noch heute sind viele Menschen in den USA nicht krankenversichert. Selbst Obamacare war nur ein kleiner Vorstoß gemessen an dem, was etablierte Sozialsysteme anzubieten haben. Hinter dem Liberalismus steckt ein einfacher und zugleich auch schöner Gedanke, der das „Prinzip der Eigenverantwortung“ genannt wird. Jeder sorgt sich um sich selbst, dann ist für alle gesorgt. Der Liberalismus ist insofern irgendwie auch ein Kompliment an den Menschen. Denn er sagt damit indirekt: „Du kannst über dein Leben bestimmen! Du bist mit Vernunft gesegnet und kannst stolz darauf sein.“

Eine wirklich schöne Fantasie, die ich gerne teilen würde. Dass das so aber in der Realität nicht stimmen kann, zeigen reiche Länder, wie die USA, in denen so arme Menschen leben, wie man ihnen in Deutschland nie begegnen würde, sehr deutlich.

Und das – hier sollten sich Konservative, Sozialisten, gemäßigte Liberale und Sozialdemokraten nun wirklich einig sein – kann kein Vorbild für eine deutsche Gesundheitspolitik sein.

Wir haben viel zu tun.
Wir müssen mehr Pflegekräfte ausbilden, die gerne in ihrem Beruf tätig sind,
wir müssen die Gesundheitsversorgung auf dem Land verbessern,
wir müssen die Personalkrise im Rettungsdienst überstehen,
wir brauchen mehr MTAs und Physiotherapeuten, die von ihrem Gehalt zufrieden leben können,
wir müssen die fachärztliche Versorgung verbessern,
wir brauchen Konzepte für eine erschwingliche Unterstützung von Menschen im hohen Alter,
wir müssen etwas gegen Krankenhauskeime tun,
wir müssen die Notfallversorgung besser strukturieren,
und, und, und…

Also wählt am kommenden Sonntag weise, liebe Leser…