Rezension: Patienten in Sozialnot

Der Soziologe Erhard Wiehn kritisierte 1968 die bis dahin übliche Einteilung in soziale Schichten: Ein Zirkelschluss sei es, dass höhere Einkommen damit legitimiert würden, dass die besser gestellten Personen diese gesellschaftlichen Funktion doch maßgeblich von der Schicht definiert werde, der sie angehören. Eben jene Schicht in die man einkommensabhängig eingruppiert wird.
Ganz durchgesetzt hat sich seine Kritik nie, aber der leidige Begriff der Unterschicht ist zumindest aus den Mündern der Menschen, wenn auch nicht aus ihren Köpfen, verschwunden. Abgelöst wurde er durch immer neue Begriffe, von denen ein häufig genutzter der, der „sozialschwachen Personen“ ist.
Zusammengesetzt ist der Begriff aus den Worten Sozial, vom lateinischen „socialis“ für „gesellschaftlich“ und „schwach“, welches in Ausdrücken, wie „schwachköpfig“ oder „Schwachpunkt“ vorkommt und qualitatives oder quantitatives Unvermögen ausdrückt. Kurzum sind sozialschwache Menschen, Menschen, die gesellschaftlich unvermögend sind. Und Unvermögen wird zumeist als etwas verstanden, wofür meine eine Verantwortung oder Schuld trägt. Das ist ein ziemlich starker Vorwurf, der auf den ein oder anderen armen Menschen zutreffen mag. Genauso könnte man ihn auch auf Multimillionäre mit Geldverstecken in Steueroasen anwenden oder auf karriereorientierte Eltern, deren Kind ausschließlich von einem Au-pair großgezogen wird.

Ich war lange der Überzeugung, dass man doch bei dem Begriff „arm“ bleiben solle. Er ist nicht sehr höflich und im schlimmsten Falle sogar missverständlich oder beleidigend, denn Armut kann ja auch etwas geistiges oder etwas charakterliches sein, aber immerhin ist der Begriff ehrlich. Jemand, der in Deutschland von 1000 Euro im Monat leben muss, ist arm und nicht schwach.

Vor kurzem allerdings bin ich auf ein kleines Buch aufmerksam geworden, welches mich das Wort „Sozialnot“ gelehrt hat. Ein großartiger Begriff, denn der Situation der betroffenen Menschen wird genauso Genüge getan, wie dem Umstand, dass er nicht selbstverschuldet sein muss und dass Hilfe geboten sein kann.

Das kleine Buch, von dem ich spreche, stammt aus der Reihe „Besondere Patientengruppen im Rettungsdienst“. Gerhard Trabert, einer der beiden Autoren, ist Diplom-Sozialpädagoge und Allgemeinmediziner. Mit dem Mainzer Modell etablierte er in der Rheinland-Pfälzischen Hauptstadt eine Versorgungsstrategie für wohnungslose Menschen, für die es ihm sogar gelang, eine Ermächtigung der Kassenärztlichen Vereinigung als „Wohnungslosenarzt“ zu erhalten. Daneben ist er in den letzten Jahren zum Thema „Krankheit und Armut“ in zahlreichen TV-Sendungen vertreten gewesen und hat in diesem Jahr mehrere Wochen lang Patienten im zerstörten Mossul versorgt.

Betrachtet werden auf den knapp 120 Seiten des Buches die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit, die spezifischen Problemstellungen für den Rettungsdienst und mögliche Lösungsansätze für das Gesamtsystem, um mit diesem Problemfeld umgehen zu können.
Arme Menschen neigen verstärkt zu Krankheit, wobei auch der Umkehrschluss gilt: Kranke Menschen neigen verstärkt zu Armut. Dieses Wechselspiel sorgt oftmals für generationsübergreifende Leiden und ganz typische Probleme, auf welche man sowohl in der Rettungsdienstausbildung als auch im Medizinstudium in der Regel nur unzureichend vorbereitet wird.

So werden im Buch unter anderem folgende Themen behandelt:
– Erkrankungsprävalenzen bei Wohnungslosen
– Gewalt gegen Wohnungslose Frauen
– Obdachlose Kinder und Jugendliche
– Funktioneller Analphabetismus
– Sexuelle und sogenannte „häusliche“ Gewalt
– Suchterkrankungen und ihre Folgen

Daneben stellen die Autoren das eingangs genannte Mainzer Modell vor und zeigen Zusammenhänge zwischen ökonomischen Rahmenbedingungen und ethischen Problemstellungen auf, die die derzeitige Armutsentwicklung in Deutschland noch verstärken. Auch Anregungen für einen modernen Rettungsdienst, der die Bedürfnisse der Menschen in Sozialnot genauso erfasst, wie die der anderen sozialen Schichten und Milieus, werden kurz und bündig zusammengefasst. Viele der angebotenen Informationen sind mit Quellen versehen. Grade bei den medizinischen Zusammenhängen, etwa zur Erkrankungsprävalenz bei wohnungslosen Menschen, ist es so von daher möglich, sich vertiefend in die Themen einzuarbeiten.

Ich betreue bei mir an der Akademie seit Beginn der Notfallsanitäterausbildung die Lernsituation „Versorgung und Betreuung von wohnungslosen Patienten“. Ein Highlight ist hier immer der Besuch der Obdachlosenzeitung „Hinz & Kunzt“ in Hamburg. Da mir dieser „Erstkontakt“ zwischen den oft sehr jungen Schülern und dem Stadtführer aus der „Obdachlosenszene“ besonders am Herzen liegt, muss die Vorbereitung auf diesen Tag ungemein gewissenhaft erfolgen. Durch das vorgestellte Buch konnte ich zahlreiche Anregungen finden, um meinem Selbstanspruch noch besser gerecht werden zu können. Auch für meine Einsatzpraxis konnte ich wertvolle Tipps und viel Hintergundwissen mitnehmen.

Aus diesem Grunde möchte ich wirklich allen im Rettungsdienst oder in Notaufnahmen tätigen Personen ans Herz legen, das kleine Nachschlagewerk zu bestellen und sich einen Nachmittag Zeit für die Lektüre zu nehmen.

 

Zum Buch
Patienten in Sozialnot, 1. Auflage
Autoren: G. Trabert / U. Wagner
Herausgeber: H. Karutz / S. Schröder
Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH, 2017
14,90 Euro