Principiis obsta

oxford-534808_1920Vor gut einer Woche hatte ich die Ehre durch die Hochschule für Gesundheit in Bochum geführt zu werden. Sie bietet ihren Studenten die Möglichkeit einen Bachelorabschluss in den Diziplinen Hebammenkunde, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder Pflege (GUK) zu erwerben. Hierfür ist keine Vorausbildung notwendig. Dementsprechend erwerben die Studenten sowohl einen Berufsabschluss als auch einen Bachelortitel. Ermöglicht wird dies durch die Nennung sogenannter Modellvorhaben in den jeweiligen Berufsausbildungsgesetzen. Im Hebammengesetz ist der Passus in § 6 zu finden. Im Notfallsanitätergesetz ist dies in § 7 verankert. Grundsätzlich wäre ein solcher Weg also auch für unseren Berufsstand möglich. Es laufen an verschiedenen Orten in Deutschland auch Planungen hierzu.

Nun bin ich persönlich ein Freund das Akademisierung des Berufsbildes. Andere sind es nicht.
Für beide Seiten gibt es gute und weniger gute Argumente.

Mir geht es im heutigen Beitrag allerdings um etwas anderes. Basis der meisten Ausbildungen im Gesundheitswesen ist die Ausrichtung auf die Problemorientierung. In POL-Szenarios sollen die Teilnehmer der Kurse ihr Wissen handlungsbezogen erwerben und erweitern. Diese Art und Weise des Lernens wird vielerorts auch in der Notfallsanitäterausbildung genutzt. Bei der Begehung der HSG habe ich mich gefragt, ob wir das Ganze nicht auf die Spitze treiben könnten und im Rahmen interdisziplinärer Settings mehrere Lernende zusammenbringen könnten. Das Ergebnis wäre ein gigantischer „Fall“, der aus verschiedensten Perspektiven und nahezu realitätsnah bearbeitet werden könnte. Im Folgenden möchte ich das anhand eines Beispiels verdeutlichen:

Die von mir erdachte POL-Gruppe besteht aus Weiterbildungsassistenten der Gynäkologie und der Anästhesie, Medizinstudenten im klinischen Abschnitt, Hebammenstudenten, Pflegestudenten und angehenden Notfallsanitätern.

Das Szenario ist eine geplante Hausgeburt, welche mit einer Blutungskomplikation einhergeht und klinisch Behandelt werden muss. Dabei erfolgt zunächst eine Versorgung durch Hebammen und Notfallsanitäter bis eine Schockraumübergabe und eine entsprechende Not-Operation durchgeführt werden kann.

Es bilden sich also mehrere Abschnitte in der die jeweils verantwortlichen Berufsgruppen eine dominante Rolle spielen:

  1. Planung der Hausgeburt
  2. Durchführung der Hausgeburt
  3. Reaktion auf Notfallereignis
  4. Rettungsmedizinische Versorgung der Notfallpatientin
  5. Transport der Notfallpatientin
  6. Übernahme der Patientin im Schockraum / Gyn-OP
  7. Durchführung der Notoperation
  8. Parallele Versorgung des Neugeborenen
  9. Pflege von Mutter und Kind nach der Notoperation
  10. Beratung und Entlassung von Mutter und Kind

Diese Abschnitte sind das Produkt eines ersten Brainstormings und müssen natürlich entsprechend umgebaut und angepasst werden. Das Besondere ist jedoch, dass jeder Berufsgruppe aus der POL-Gruppe die Rolle übernehmen wird, die derzeit eingeübt wird. So erarbeiten die Weiterbildungsassistenten das Facharztwissen, die Hebammenstudenten übernehmen die Rollen voll ausgebildeter Hebammen, die angehenden Notfallsanitäter planen und strukturieren den vorliegenden Einsatz und so weiter. Jede Berufsgruppe fertigt neben der eigentlich POL-Bearbeitung noch ein Leistungsprotokoll an, um den anderen Berufsgruppen ihre Arbeit nahe zu bringen.

Diese Art und Weise der Falldurchführung würde eine ganz neue Kultur des gemeinsamen Lernens schaffen. Eben jenes gemeinsame Lernen könnte die einzelnen Berufsgruppen deutlich dichter zueinander bringen. Mittelfristig könnten sogar ganze Versorgungskonzepte aus solchen Szenarien geschaffen werden.