Oui, mon general!

nurse-359324_960_720Eines der in der Pflege-Community derzeit am heftigsten diskutierten Punkte ist die angestrebte Reform der Pflegeausbildung. Für nicht-Eingeweihte gibt es hier eine kleine Zusammenstellung der nötigsten Informationen.

Ziel ist es, und das ist in einer zunehmend alternden Gesellschaft ja mehr als lobenswert, die Altenpflege auf Augenhöhe mit der Krankenpflege zu bringen.

Dabei sind jedoch einige Punkte strittig:
So ist nicht nur geplant die Alten- und die Krankenpflege zusammenzulegen, sondern ein einheitliches (daher generalistisches) Berufsbild zu schaffen, das auch die Kinderkrankenpflege umfassen soll.

Von Kritikern wird hier insbesondere bemängelt, dass diese drei Berufsbilder nicht vergleichbar wären, da die Zielgruppen unterschiedliche pflegerische Ansprüche haben sollen. Entwicklungspsychologisch muss man dem wohl Recht geben: Die Bedürfnisse von alten Menschen und Kindern sind häufig unterschiedlich. Ein schönes und nachvollziehbares Modell hierzu ist das Stufenmodell von Erikson.
Dagegen gehalten werden kann allerdings, dass sich auch die Bedürfnisse von Menschen mit Anfang zwanzig von den Bedürfnissen eines Mitdreißigers abheben. An diesen Umstand passen sich Pflegende bereits jetzt an. So kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass es manchmal schwierig sein kann, einen fast-noch-Teenie auf Station liegen zu haben. Der Umgang mit diesen Patienten ist, wenn man entwicklungssensibel vorgehen möchte, ein anderer, als der Umgang mit einem gesettelten Mitfünfiziger. Engagierte Pflegekräfte schaffen es, mit diesem Spagat umzugehen. Seit einigen Jahren werden diese Tatsachen auch vermehrt in Aus- und Fort- und Weiterbildung von Pflegenden integriert. Die Altersgrenzen selbst sind bei Erikson, außer in der unmittelbaren Kindheit, bewusst nicht starr angegeben. Rettungsdienstlich transportieren wir Minderjährige regelhaft in Kinderkliniken, selbst wenn sie in nur wenigen Tagen volljährig werden. Ab da werden sie in der Erwachsenenabteilung versorgt.
Vollkommen willkürliche Grenze.

Ein wenig wird bei dem Diskurs vergessen, dass viele unserer Einteilungen nicht rein humanwissenschaftlich, sondern auch juristisch oder durch Brauchtum geprägt sind. Man sollte damit aufhören, so zu tun, als würde es sich bei Kindern und Erwachsenen um zwei verschiedene Spezies mit vollkommen unterschiedlichen pflegerischen Notwendigkeiten handeln. Vielmehr handelt es sich um verschiedene zeitliche Stadien des Mensch-Seins. Und damit umzugehen ist Kerngeschäft jeder Pflegetätigkeit.

Eine wichtige Tatsache ist, dass wir einen massiven gesellschaftlichen Bedarf für eine Neuausrichtung der Pflegeausbildung haben. Unabhängig von der Zuwanderung, die die Altersstruktur der Bevölkerung verändern wird, ist abzusehen, dass Pflegekräfte mit mehr Wissen und mehr Kompetenzen ausgestattet werden müssen, um das, was sie bereits jetzt vielerorts mit lobenswerter Hingabe leisten, nochmals verbessern zu können. Das Schulgeld für diesen Berufszweig muss dringend abgeschafft werden. Zudem benötigen (Alten-)pflegekräfte einen verbesserten Zugang zu Weiterbildungen der Möglichkeit sich zu akademisieren. All das bildet der derzeitige Gesetzesentwurf ab.

Die (Kinder-)Krankenpflege verfügt traditionell über die Ressourcen zweier mächtiger Institutionen im Gesundheitswesen: Die der Krankenhäuser und die der Universitäten. Diese Einrichtungen müssen dringend auch der Altenpflege zur beruflichen Entwicklung zur Verfügung gestellt werden.
So sind Fähigkeiten der Krankenpflege zur Einschätzung von Zwischenfällen in der Pflegeeinrichtung unerlässlich. In Kombination mit entsprechenden Verfahrensanweisungen, könnte dies auch unnötige Rettungseinsätze und Krankenhausaufenthalte reduzieren. So zum Beispiel nach Sturzereignissen.
Neben dem Kostenersparnis wäre dies auch ein Plus an Lebensqualität für die Bewohner.
In diesem Video, ab etwa 17.24 bzw. 25.25, wird etwas auf das Thema „Reduktion von Krankenhauseinweisungen“ eingegangen. Kern der Diskussion ist „Aggression und Gewalt in der Pflege“. Schön wird hier herausgestellt, wie hochkompetente und ausgiebig weitergebildete Pflegekräfte, einen Mehrwert für die Bewohner darstellen. (Nehmen Sie sich am Besten einmal Zeit für die vollständige Diskussion (ca. 1 1/4 Stunden).

Zurück zum eigentlichen Thema:
Ich denke bei allen Argumenten für eine Veränderung im Sinne des Gesetzgebers, dass es mehr Sinn machen würde, eine gemeinsame Ausbildungszeit von zwei Jahren und eine Fachausbildung von einem Jahr anzusetzen. Dies würde den tatsächlich anderen Bedürfnissen verschiedener Teilbereiche der Pflege gerecht werden und dennoch wäre eine multiprofessionelle Qualifikationsbasis geschaffen. Auch eine Ausbildungszeit von 3 Jahren und eine einjährige Zusatzausbildung wären denkbar. So darf nicht vergessen werden, dass es seit Jahren Fachweiterbildungen in verschiedenen klinischen Bereichen gibt. So zum Beispiel die der Intensivpflegekraft. Dies sollte unbedingt weiter ermöglicht und sogar noch ausgebaut werden.

Unabhängig von dieser gesamten Diskussion werden langfristig allerdings nur zwei Dinge etwas nützen, um den Versorgungsnotstand in Medizin und Pflege auflösen zu können:

Mehr Wertschätzung und mehr Geld.

Die größte Gefahr liegt nämlich darin, dass eigentlich angedachte Altenpflegekräfte zukünftig in die besser bezahlte Krankenpflege abwandern. Denn dies wird mit der Pflegereform machbar. Hier sind Regulierungen gefragt. So werden dringend gesetzliche Betreuungsschlüssel und spezifische Mindestlöhne in der Pflege benötigt.

Als Rettungsfachpersonal haben wir nur geringen Einfluss auf die Bezahlung von Pflegekräften. Dennoch sind wir als Schnittstelle ein wichtiger Einflussfaktor auf dieses Berufsbild. So ist es notwendig zukünftig verstärkt in eine gute Partnerschaft zwischen den Professionen zu investieren. Dies kann schon bei der Übernahme in der Pflegeeinrichtung beginnen. Insofern können auch wir einen Beitrag zur interprofessionellen Wertschätzung leisten.