Ne Discere Cessa – Teil 1

Ich freue mich wie ein Kind, als ich den Zulassungsbescheid in den Händen halte. Abi mit Mitte 20 nachgeholt. Kein schlechtes Ergebnis. Trotzdem Wartezeit. Eine Karriere im medizinischen Bereich aufgebaut. Das Ziel, Arzt zu werden mal mehr und mal weniger vor Augen. Nebenbei in einer Bar gejobbt. Versucht ein Science-Fiction-Buch zu schreiben, daran gescheitert. Ein Jahr herumgereist und direkt danach der Zulassungsbescheid. Ich fange wieder an zu arbeiten. 20 Stunden die Woche. Ich nehme zusätzlich noch ein paar Projekte an, um mir Startkapital aufzubauen. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich die nächsten 6 Jahre finanzieren soll. Mir egal. Lief bisher irgendwie, wird auch weiter laufen. Ich kläre mit meinem Arbeitgeber, dass ich meine Stunden frei einteilen kann, erstelle einen Terminplan, um die Projekte für den Verlag möglichst noch vor Studienbeginn über die Bühne zu bringen. Bin damit nur mäßig erfolgreich, aber auch das ist besser als nichts.

Ich schlafe in den Tagen vor dem Studienbeginn schlecht. Es hat mich lange nicht gestört, keinen Studienplatz zu haben. Jetzt stresst mich, dass die Uni die Bescheinigungen erst so spät versendet und dass ich keinen Stundenplan habe. Meine Planung kann nur funktionieren, wenn ich weiß, wann ich in den nächsten Wochen wo sein muss. Ich rufe mehrfach bei der Uni an. Mir wird immer wieder gesagt, dass ich das erst in der Orientierungseinheit erfahren würde. Ich stelle ein paar Fragen dazu. Frage, ob so eine Kurzfristigkeit noch zeitgemäß sei. Für alles gäbe es ja einen Beauftragten und spezielle Regeln: Menschen mit Behinderungen, Frauen, Familie, psychische Probleme. Aber einen einfachen Rahmenstundenplan für Berufstätige schon im Vorfeld zu erstellen, die Idee habe wohl noch niemand gehabt? Für meine Nachfragen ernte ich ganz viel Verständnis. Aber keine brauchbaren Lösungen. Der vierte Anruf bringt mich zu einer mehr oder minder konkreten Aussage. Ich solle mir doch einfach in den ersten Wochen immer die Tage von 7 bis 19 Uhr freihalten.

Auch frage ich mich, wie ob ich mit meiner neuen Umgebung zurechtkommen werde. Ich male mir aus, nur unter 18-jährigen zu sitzen. Ich war ein furchtbarer 18-jähiger. Wenn die nur zu einem Viertel so sind, wie ich es war, würde das die Hölle werden.

Ein paar Tage vor dem offiziellen Studienbeginn hole ich mir meinen Ausweis ab. Ich stehe neben einer Gruppe von Mädchen, offenbar zukünftige Kommilitoninnen von mir. Sie lernen sich grade kennen. Innerhalb von wenigen Minuten haben sie ihre Abiergebnisse verglichen und wussten voneinander wie sie beim Medizinertest abgeschnitten haben. Kein einziger Name ist dabei gefallen. Ich verteile im Geiste Spitznamen, nummeriere sie durch. Die Blonde heißt jetzt „1,3“. Die etwas größere „1,7 – aber fast 1,6“. Das „fast“ ist langgezogen, wie bei einem Seufzen. Die anderen Mädchen klopfen ihr verständnisvoll auf die Schulter.
Unter was für einem Druck muss man stehen, wenn das erste, was man über sich verrät eine Nummer ist?

Bei der Kartenausgabe erwartet mich jemand vom FSR. Ich solle mir für die Orientierungseinheit die Abende freihalten. Ein vielsagendes Zwinkern. Ich antworte nüchtern und etwas genervt, dass ich das liebend gern tuen würde, aber arbeiten muss. Nochmal ein Zwinkern. Es sei aber wirklich sehr wichtig… Zwinkern… dass ich frei hätte. Ich verkneife mir ein ironisches Zurückgezwinkere, lächle hilflos und stelle eine belanglose Frage über die Bibliothek, um das Thema zu wechseln. Ich bekomme meinen Ausweis und kann gehen. Auf dem Foto sehe ich ein bisschen so aus, wie ein Footballspieler. Mein Kopf ist leicht zurückgeneigt. Ich strahle eine Selbstsicherheit aus, die ich gerne hätte, aber zurzeit definitiv nicht habe.

Dann kommt der erste Tag. Ich ziehe ein Sakko an. Als ich ankomme tragen alle anderen Casual. Über dem Eingang hängt ein großes Banner: „Willkommen Studierende“. Eine kleine Welle des Stolzes überkommt mich. Ich schiebe den Gedanken weg. Mich stört abstrakter Stolz. Stolz kann ich noch genug sein, wenn ich mich durch die kommenden Jahre und die zahlreichen Prüfungen gequält habe. Alle sind aufgeregt. Die Luft ist elektrisiert. Ich bin zu früh und vertreibe mir die Zeit, indem ich meine neue Umgebung beobachte. Ich habe noch nie so viele Zahnspangen auf einem Haufen gesehen. Zahnspangen, Apple-Produkte und Coffee-to-go-Becher. Mädchengruppen mit uniformem Make-Up unterhalten sich laut und schnell. Ab und zu hört man ein Quietschen. Freude, Verwunderung … es scheint universell verwendbar zu sein. Die Jungsgruppen mackern etwas rum. Ich-Erhöhung in Zeiten der Unsicherheit. Ich höre „Bro“ und „Digga“, alles ist „nice“ und „sweet“. Spannend wenn der Slang der Gosse aus den Mündern von Bürgerkindern kommt. Einer Gruppe höre ich etwas länger zu. Gereist sei er nach dem Abi, erzählt einer von ihnen. Von der Hand in den Mund gelebt habe er da manchmal. Er musste in Thailand sogar Straßenmusik machen, um seine Reise fortsetzen zu können. Ich werde kurz wütend. Ich möchte ihn zur Rede stellen. Möchte ihm sagen, dass jemand, der sich ein verdammtes Flugticket und Reiseimpfungen leisten kann, der letzte ist, der in einem Entwicklungsland betteln darf, nur um sich ausschweifende Partys zu finanzieren. Ich zwinge mich, mich zu entspannen. Der erste Tag an der Uni ist nicht der Tag, an dem man sich schon unbeliebt machen sollte. Ich gebe ihm den Spitznamen „Ebenezer Scrooge“ und wende mich ab.

Als die Veranstaltung beginnt schreibe ich alles mit. Sogar bei der Eingangsrede. Den besten Studiengang der Bundesrepublik hätten wir da gewählt. Der Dekan spricht voller Inbrunst. Kein Wort dazu, dass der Progress-Test, mit dem das Ganze gemessen wird, ein MC-Test ist. Kein Wort dazu, dass es schon seit Jahren erbitterte Diskussionen darüber gibt, ob ein solches Testverfahren überhaupt in der Lage ist Kompetenzen abzubilden und Prognosen über eine qualitative Ausbildung abzugeben. Ich schaue nach einem Mädchen, das ein paar Reihen vor mir sitzt. Es ist „1,3“. Ihre Augen leuchten bei den Worten und sie nickt eifrig.

Nach ein paar weiteren Vorträgen beginnt die Show der OE-Tutoren. Sie ist wirklich liebevoll gestaltet. Kleine Videoclips wechseln sich mit Schauspieleinlagen und Tänzen ab. Die einzelnen Geschichten handeln von Klischees und Mythen rund um das Medizinstudentendasein. Sie haben sich wirklich alle Mühe gegeben, aber nach 40 Minuten kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Nach weiteren 80 Minuten ist die Show zu Ende. Ich frage mich jetzt das erste Mal, ob ich mich an diese ständigen Superlative gewöhnen kann, überhaupt an sie gewöhnen möchte.
Einer der Tutoren trägt ein Schmetterlingskostüm. Ich stelle etwas erschrocken fest, dass er meine Kohorte übernehmen und die nächsten zwei Wochen begleiten wird. Ich hätte vielleicht kein Sakko tragen sollen.