Medizin ohne Maß? | TRIAS

Die Thieme Gruppe war so nett, mir Rezensentenexemplare zweier Bücher zukommen zu lassen, die ich hier natürlich nun auch gerne vorstellen möchte. Der Kontakt mit Thieme kam dabei, wie in diesem Beitrag erwähnt, über die Besprechung eines anderen Buches zustande. Da ich die Bücher kostenfrei erhalten habe und mich über die Möglichkeit, weitere Rezensionen anfertigen zu können, freuen würde, kann hier von einem, wenn auch recht überschaubaren, Interessenkonflikt gesprochen werden. 

Prof. Giovanni Maio darf wohl als der derzeit populärste Medizinethiker der Bundesrepublik angesehen werden. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg und in einer Vielzahl von Ethikbeiräten vertreten. Seine Publikationsliste (Word-Dokument) umfasst rund 350 Aufsätze, Bücher und Monografien.

Das Buch „Medizin ohne Maß?“ will Maio ausdrücklich als ein „ethisches Buch“ verstanden wissen. Es wird sogar indirekt und mit der entsprechenden Lesart als eine „Anleitung zu einem guten Leben“ bezeichnet. Diese Behauptung  ist natürlich gewagt. Normalerweise benutzen nämlich eher esoterische oder religiöse Titel solche Slogans. Maios Buch ist parteiisch. Es ist ein Kontrapunkt. Insofern könnte vielleicht der Vorwurf erhoben werden, dass das Buch eine Art „Predigt“ sei. Der Autor geht dabei allerdings ziemlich ehrlich mit seinen Lesern um. Aber durch eben diese Ehrlichkeit ist eine ständige Hinterfragbarkeit gestattet, was einen angenehm fairen Umgang mit den Lesern zur Folge hat.
Der Untertitel des Buches lautet: „Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit“.
Dies erfasst bereits ziemlich genau, in welchem Spannungsfeld des Buch angelegt ist.
So ist der technische Fortschritt in den letzten Jahrzehnten unaufhaltsam fortgeschritten. Der Menschheit sind diagnostische und therapeutische Methoden möglich geworden, die bisher nur in guter Sciene Fiction besprochen, aber nie gesellschaftlich aufgearbeitet worden sind. Zu atemlos hat uns dieser Fortschritt gemacht. R.D. Precht hat in einem Interview mal die These geäußert, dass der technische Fortschritt im Gegensatz zum zivilisatorischen Fortschritt unumkehrbar sei. Nimmt man an, dass diese Behauptung zutrifft, wäre die Konsequenz daraus, dass zivilisatorischer Fortschritt, in den ich ethische Prinzipien inkludiere, immer wieder neu erstritten werden müsste. Die Frage nach der Machbarkeit in Bezug auf die Durchführung bestimmter „Techniken“ wäre demnach ein Konfliktfeld, auf dem technische Möglichkeiten und zivilisatorisch-ethische Prinzipien gegeneinander gestellt werden müssen.
In der Reduktion: „Musst Du etwas tun, nur weil es machbar ist?“
Und weitergedacht: „Ist es gut, nur weil es machbar ist?“

Das Buch gliedert sich in in 8 Kapitel, die von einer Einleitung und einem Epilog umrahmt sind:

Kapitel 1: Begegnungen in der Petrischale? (*)
Befasst sich mit Reproduktionsmedizin und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen

Kapitel 2: Durchleuchten, prüfen, aussortieren? (*)
Befasst sich mit der Präimplantationsdiagnostik und den ethischen Schwierigkeiten, die aus ihr erwachsen.

Kapitel 3: Schöner, besser, leistungsfähiger?
Befasst sich mit Fragen rund um die „Verbesserung“ („Enhancement“) des Menschen.

Kapitel 4: Gesundheit als Pflicht?
Befasst sich mit der Begrifflichkeit der „Gesundheitskompetenz“ und ihren Auswirkungen auf die Verantwortungsverteilung.

Kapitel 5: Organspende in der Vertrauenskrise
Befasst sich mit dem Widersprüchen und Konflikten im Rahmen der Organspendeentscheidung.

Kapitel 6: Vom Wert des Alterns – jenseits des Fitnessimperativs
Befasst sich mit den gesellschaftlichen Perspektiven auf das Alter bzw. das Altern an sich.

Kapitel 7: Formulare als Gesprächsersatz?
Befasst sich mit dem Spannungsfeld rund um das Thema der „Patientenverfügung“.

Kapitel 8: Loslassenkönnen. Für eine neue Kultur des Sterbens
Befasst sich mit dem „Sterbenmüssen“ als existenzieller Grunderfahrung des Menschen.

Epilog
Plädoyer für eine „Medizin der Besonnenheit“

Die ersten beiden Kapitel habe ich mit einem (*) markiert. Damit wollte ich lediglich ausdrücken, dass sie in der Notfall- und Rettungsmedizin eine untergeordnete Rolle spielen. Auch, aber das nur am Rande, haben der Autor und ich hier anteilig verschiedene Ansichten. Da eine Einzelbesprechung aller Kapitel über den Rahmen dieses Beitrages hinausgehen würde, habe ich mich dazu entschlossen, lediglich auf das vierte Kapitel (Gesundheit als Pflicht?) einzugehen. Ich halte es für das Kapitel mit dem größten Diskussionssprengstoff in der rettungsdienstlichen Community.

Meine ersten Vorbilder im Rettungsdienst waren (und sind zum Teil noch immer) Menschen, die eine gute Rettungsmedizin gemacht und eine anständige Haltung gegenüber den Patienten bewiesen haben. Eines jedoch war für mich immer von einer gewissen Dissonanz begleitet. So wurde an unserer Wache immer wieder von mehr „Eigenverantwortung“ der Patienten gesprochen. Diese Eigenverantwortung im gesundheitlichen Lebensbereich, so die These, sei der Gesellschaft zunehmend abhanden gekommen. Und dies führe zu einer Vielzahl an nicht notwendigen Rettungsdiensteinsätzen, die eher sozialarbeiterischer Natur seien. Eine Zeit lang hat mich diese Argumentation überzeugt. Immerhin ist Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ein unheimlich ermächtigendes Gut des Menschen. „Empowerment“ mache die Menschen frei. Diese These teile ich schon eine Weile nicht mehr und Maio schlägt mit seinen Ausführungen in genau die selbe Kerbe. Denn, so der Autor, die Möglichkeit zur Übernahme von Gesundheitsverantwortung sei das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, wie etwa der Schichtzugehörigkeit, den Krankheitserfahrungen oder des Lebensalters. Dies führt zur Paradoxie, dass insbesondere gesunde Menschen mit einem höheren Bildungsstand und mehr kommunikativen Ressourcen eine höhere Gesundheitskompetenz besitzen, als Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Prägung weniger Zugang zum Erwerb eben jener Kompetenz haben. Dies ist exakt das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, wenn wir übervolle Notaufnahmen oder vermeintlich sinnfreie Notrufe diskutieren. So hat die alleinerziehende Mutter ohne Auto de facto weniger Möglichkeiten, sich über langfristig Kinderkrankheiten zu Informieren oder ihr Kind kurzfristig einem Arzt zuzuführen, als es die situativ besser gestellten Vorstadteltern haben. Maio kritiert, und hier sehe ich auch eine große Gefahr für Rettungsdienstpersonal, den Verlust des Glaubens an die im Gesundheitswesen notwendige Solidarität.
Ein besonders hervorstechender Textabschnitt erwähnt den schmalen Grat zwischen Fordern und Fördern. Dennoch spräche natürlich nichts generell gegen ein Empowerment von Menschen. Nur müsse man Strategien für den Fall eines nicht gelungenen Empowerments haben. Und diese Strategien gingen mit Verantwortungsübernahme durch Ärzte und Gesundheitsfachpersonal einher.

So ist es in meinen Augen genau richtig, dass man Menschen Eigenverantwortung für ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Nächsten vermittelt.
Nur dürfen die, bei denen dies nicht funktioniert, unter gar keinen Umständen auf der Strecke bleiben.
Für diese Menschen stehen nämlich wir, als Gesundheitsarbeiter, in der Verantwortung.

Fazit: Prof. Giovanni Maios Buch darf nicht als Lehrbuch aufgefasst werden. Zwar lernt der Leser etwas über Ethik, aber nicht, wie eine ethische Analyse durchgeführt oder wie sie nachvollziehbar gemacht wird. Hier liegt auch die Schwäche des Buches. Es stärkt den Leser nicht im Sinne eines Einsichtsprozesses, sondern eben durch etwas, dass als Predigt missverstanden werden könnte. Sieht man Maois Buch aber eben als jenes im Beitrag erwähnte Plädoyer an, ist es eine klare Leseempfehlung. Vor dem Hintergrund der drängenden Fragen, die hier bearbeitet werden, würde ich fast schon von einer Lesepflicht sprechen wollen. Thieme bietet eine Online-Leseprobe an. Diese kann unter dem oben stehenden Link zum Buch eingesehen werden.

Ω
Titel:            Medizin ohne Maß?
Autor:          Giovanni Maio
Verlag:         TRIAS Verlag (Thieme Gruppe)
ISBN:            978-3-8304-6749-6
Auflage:       1. Auflage, 2014