In furore iustissimae irae

Der Titel ist einem Stück von Vivaldi entnommen. Auch wenn man keine Klassik mag, ist das Motet wirklich sehr zu empfehlen. Es ist eine musikalische Interpretation des letztes Gerichtes, bei dem es heißt: „Tag des Zorns, auflösen wird er das All in Staub. Welch ein Zittern wird es geben, wenn der Richter wird erscheinen, alles streng zu prüfen.“

So oder so ähnlich apokalyptisch fühlt es sich an, wenn man die Pressemeldungen in den letzten Tagen verfolgt. Als Beispiel seien hier ein MOPO-Artikel [Paywall], einer des Hamburger Abendblattes und einer der Welt angeführt.
Gewalt

Hintergrund ist die anstehende Veröffentlichung einer Doktorarbeit zum Thema „Gewalt gegen Rettungskräfte“. Diese Studie ist eine absolute Hoffnung für unser Arbeitsfeld und ich persönlich erhoffe mir, dass sie methodisch sauber durchgeführt wurde. Denn das größte Problem des Themenkomplexes „Gewalt im nicht-polizeilichen Einsatzdienst“ ist die ungenügende Datenlage. Eine Bestandsaufnahme findet sich zwar aus NRW, aber auch diese wird nicht unkritisch diskutiert.

Mich macht das derzeitige mediale Echo allerdings etwas ungehalten. Das Ganze wird mir zu hysterisch bearbeitet. Schutzwesten werden gefordert, es wird mit Zitaten á la „Wir sind im öffentlichen Dienst, aber nicht von öffentlichem Interesse.“ (MOPO), um sich geworfen und dabei ist die Studie noch nicht einmal einsehbar.
Aber grade diese Einsehbarkeit (in Form von Transparenz) ist eine unbedingte Notwendigkeit für gelungene wissenschaftliche Bewertungen. Ohne diese können die Daten nicht von anderen Experten ausgewertet und validiert werden.
Seien wir ehrlich: Würde es hierbei um eine Studie gehen, die uns die Anwendung von ASS beim Herzinfarkt verbietet, würden wir doch jeden der fordert, dass man ASS von den Fahrzeugen abrüsten müsse, für verrückt erklären.

Wieso aber sind wir bei dem einen Thema (Gewalt) so unkritisch und wären bei dem anderem Thema (ASS) korrekterweise so kritisch?

Da ich in der letzten Woche von einigen angehenden Notfallsanitätern, die kurz zuvor ein Deeskalationstraining durchlaufen hatten, auf die besagten Artikel angesprochen wurde, habe ich mir erlaubt, Leserbriefe zu verfassen, um zu versuchen einen „hanseatischen“ Umgang mit dem Thema zu finden, der ihnen vielleicht als Vorbild dienen kann.

Einen davon hänge ich hier an:

Sehr geehrte Abendblatt-Redaktion,
in den letzten Tagen haben Sie einen Artikel mit dem Titel „Studie offenbart: 1600 Übergriffe auf Retter in Hamburg“ veröffentlicht. Gerne würde ich Ihnen hierzu einige meiner Eindrücke schildern:

Das Thema „Gewalt gegen nicht-polizeiliche Einsatzkräfte“ ist im rettungsdienstlichen Arbeitsfeld ein viel diskutiertes und leider noch viel zu wenig beleuchtetes Phänomen. Aus diesem Grunde ist die Dissertation von Frau Dressler von ungemeiner Wichtigkeit für unsere Arbeit. Bereits andere Facharbeiten (Anlage I) haben sich diesem Thema gewidmet und konnten einige interessante Ansätze zu dieser Diskussion beitragen.

Leider vermisse ich, als aktiv tätiger Notfallsanitäter, in Ihrem Artikel die grundlegende Skepsis, die bei einer solchen Thematik angebracht ist. Mit „Skepsis“ ist hier natürlich keinesfalls die Notwendigkeit einer Beforschung des Problemfeldes oder der Minimierung von Gefahren für das Einsatzpersonal gemeint. Vielmehr berichten Sie von einer Studie, die weder Sie noch die Kollegen der Hamburger Feuerwehr gelesen haben können, da sie noch auf ihre Veröffentlichung wartet. Stattdessen führen Sie mit einem Betroffenenbericht an. Dieser ist erschreckend und schildert eindrucksvoll, welche Qualität Übergriffe gegen Rettungsdienstpersonal haben können. Allerdings sagt dieser Erlebnisbericht nichts über das quantitative Auftreten von Gewalt im Einsatzalltag aus. Grade aber die Relation von Qualität und Quantität ist von imminenter Bedeutung, um eine Bewertung des Themenfeldes durchzuführen. Aus eben dieser Bewertung müssen Maßnahmen zum effektiven Schutz von Patienten und Rettungsdienstlern abgeleitet werden.

Artikel, wie der Ihre, tragen aber leider nicht zu einer nüchternen Debatte bei. Sie suggerieren stattdessen, dass „da draußen“ eine Art Ausnahmezustand herrsche. Dem ist, soviel sei bereits an dieser Stelle gesagt, nicht so. Gleichzeitig aber darf nicht der Eindruck entstehen, dass es kein Problem mit Gewalt gegen Einsatzkräfte gäbe. Beide Weltbilder, also das des Flächenbrandes und das einer Welt ohne Gewalt, gilt es zu überwinden. Dies wird aber nicht mit Betroffenheit und Forderungen an die Politik, sondern nur mit Analyse und Planung möglich sein.

Sie erwähnen in Ihrem Artikel, dass es in Hamburg, laut der Studie von Frau Dressler, zu 1600 Übergriffen pro Jahr kommen würde. Leider gehen die von Ihnen verwendeten Zahlen nicht tiefer. Setzt man hier die Anzahl der Rettungsdiensteinsätze (227.842) aus dem Feuerwehrjahresbericht von 2014 (Anlage II) entgegen, kommt man zu einer Quote von 0,7 % Übergriffswahrscheinlichkeit pro Einsatz. Von Alltag darf hier, zumindest in dieser sehr simplen Berechnung, nicht gesprochen werden. Auch ist aus Ihren Angaben nicht erkennbar, bei welchen Übergriffen, es sich um solche handelt, bei denen Waffen eingesetzt wurden. Daneben gibt die Zahl von 1600 auch nicht an, inwieweit sich das Verhalten der Einsatzkräfte im Sinne eines deeskalierenden Eingreifens günstig auf den Ausgang des Einsatzes auswirken könnte oder in welchen Einsatzgebieten eine Häufung der Vorfälle auftritt. All dies wird nur mehr Forschung, jenseits von Aktionismus, zu Tage bringen.

Bedauerlicherweise räumen Sie der Feuerwehrführung, mit ihrem vollkommen richtigen Statement, dass man auf die Veröffentlichung der Daten warten wolle, nur sehr wenig Aufmerksamkeit in Ihrem Artikel ein. Dies aber, so hart es sich anhören mag, ist der einzig richtige Weg. Einige Forderungen des Berufsverbandes, wie zum Beispiel die eines einfachen Meldesystems für Gewaltvorfälle und mehr Deeskalationskurse benötigen validierte Daten, auf denen sie beruhen können. Professionell wäre es, die ganze Angelegenheit mit etwas mehr Nüchternheit und Köpfchen anzugehen und nicht gleich in eines der besagten Weltbilder zu verfallen. Dies ist nicht ungefährlich, denn es wird bei Rettungskräften die Verunsicherung eher steigen lassen, als sie abzumildern. Aus Verunsicherung resultiert deutlich häufiger gewaltbegünstigendes Verhalten, als aus einem bedachtem Umgang mit einem Thema. Vergleichen Sie hierzu die Berichterstattung über Straßenkriminalität in den USA, die mit einer Zunahme von vermeintlichen Notwehrakten korreliert. Die Medienwirkungsforschung (Anlage III) setzt sich genau mit diesen Problemfeldern auseinander.

Dennoch danke ich Ihnen, dass Sie das Thema aufgreifen und auf diesem Wege „etwas Politik für uns machen“. Ich würde mir nur wünschen, dass Sie dabei die richtigen Botschaften senden: So zum Beispiel wäre es wichtig, Kollegen von Feuerwehr und Rettungsdiensten trotz der ernüchternden Zahlen zur Anzeige von Vorfällen zu bewegen. Vor einigen Jahren hat der Gesetzgeber hier gehandelt und den §114 StGB explizit um Rettungskräfte und Feuerwehrleute erweitert. Es kann also definitiv nicht von einem generellen öffentlichem Desinteresse gesprochen werden.

Mit freundlichen Grüßen
Tobias Sambale

Anlage I:
https://www.unfallkasse-nrw.de/fileadmin/server/download/PDF_2012/Gewalt_gegen_Rettungskraefte.pdf

Anlage II:
http://www.hamburg.de/contentblob/4502856/data/jahresbericht-2014.pdf

Anlage III:
https://de.wikipedia.org/wiki/Medienwirkungsforschung

 

Insbesondere der letzte Satz ist mir wichtig:
Es gibt Gesetze, die sich mit Gewalt gegen Rettungskräfte befassen (§§ 113, 114 StGB). Es bedarf einer entsprechenden Anwendung dieser und keiner Verschärfung, was in diesem Zusammenhang ja auch gerne gefordert wird.

Der DBRD hat zu diesem Thema mal einen wirklich schönen, weil sehr sachlichen und informativen Flyer herausgegeben. Leider finde ich ihn grade nicht im Netz.