Gehirn und Moral | Thieme

9783131989611_cover_mDank etwas Glück bei einer Auslosung, erhielt ich die Möglichkeit ein Rezensentenexemplar des Buches „Gehirn und Moral“ von Markus Frings und Ralf Jürgen Jox zu ergattern.
Die an Thieme gesendete Rezension möchte ich auch hier, in etwas abgewandelter Form, veröffentlichen.

Das Buch „Gehirn und Moral“ von Markus Frings und Ralf Jürgen Jox ist ein Werk aus der „HINDERGRÜNDE Reihe“ des Georg Thieme Verlags:

„Die neue Sachbuchreihe behandelt wissenschaftliche Themen, die von ausgewiesenen Experten verständlich und unterhaltsam vermittelt werden. Sie wendet sich an alle, die Interesse und Freude an populärwissenschaftlichen Inhalten und geistreicher Lektüre haben.“
[Quelle: https://www.thieme.de/shop/hintergruende]

Ein Überblick
Das Buch ist, ähnlich einem Episodenroman, in 10 kleinere Erzählungen aufgeteilt. Mit ihrer Hilfe wird der Leser schrittweise in wesentliche ethische Fragen von „Neurologie und Hirnforschung“ eingeführt.
Das Spannende hierbei ist, dass mit dem Bereich der Neuroethik eine relativ junge Disziplin der Bioethik vorgestellt wird. Unter anderem ist es Sinn und Aufgabe der Neuroethik, Wegweiser im Umgang mit ethischen Problemen, die sich im Rahmen neurowissenschaftlicher Forschung, klinischer Neurologie und der Neurochirurgie auftun, zu erarbeiten.
Gleich zu Beginn konfrontieren uns die Autoren mit einer der schwierigsten Fragen der Philosophie: Was ist Moral?
Wir lernen nach und nach einen Patient kennen, dessen Verhalten und Persönlichkeit sich aufgrund einer Erkrankung zu ändern scheint. Dabei wird die Geschichte immer wieder durch Kommentierungen der Autoren unterbrochen. Ihnen gelingt mit diesem Kunstgriff eine Einführung in die Kernbereiche der Philosophie. Nämlich den Fragen nach dem Menschsein an sich und nach der Ordnung des menschlichen Zusammenlebens.
Dabei versteigen sie sich nicht in einer ausweidenden Diskussion des Stoffes, sondern bieten dem Leser einen Erörterungsumfang, der sowohl für Fachfremde als auch für medizinisches Personal geeignet ist. Einzig geübte Philosophen und Ethiker lernen vermutlich wenig Neues von den einführenden Abschnitten. Ihnen wird allerdings im späteren Verlauf noch Vieles geboten.
In neun weiteren Geschichten werden wir mit Menschen bekannt gemacht, die an schwersten neurologischen Störungen leiden.
Wir werden Ärzten vorgestellt, die sich im ethisch korrekten Umgang mit den Zuständen ihrer Patienten unsicher sind.
Wir lernen Studienteilnehmer kennen, die mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert werden und erleben Angehörige, wie sie ihren Hoffnungen und Ängsten Ausdruck verleihen.
Dabei werden Themen wie Bewusstsein, Demenz, das „Recht auf Nichtwissen“, Neuro-Enhancement, Hirntoddiagnostik und Organspende vorgestellt und dank den kleinschrittigen Kommentaren auch für Laien verständlich erörtert.
All das hat eine unheimlich persönliche Note, denn Fragen der Moral und des richtigen Handelns werden unmittelbar mit den Handelnden selbst verknüpft.
Dies macht dieses kleine Buch im Kitteltaschenformat so wertvoll. Es handelt vom wirklichen Leben und ist nicht nur eine Abhandlung darüber. Man könnte sogar so weit gehen, das Buch als eine Art behelfsmäßigen Praxisleitfaden zu verstehen, der einen anregen soll, in schwierigen Situationen in sich zu gehen und mit Hilfe der neu gelernten mentalen Werkzeuge über das Problem nachzudenken.

Was aber hat dieses Thema für uns für eine praktische Relevanz?
Einige Aspekte sind für die Notfallmedizin von besonderer Bedeutung.

Der Umgang mit Komapatienten
Die Autoren klären über generelle Aspekte im Umgang mit und bei der Beurteilung von komatösen Patienten auf. In meinen Augen ist hier der wesentliche Aspekt, dass der Leser gezwungen wird, sich mit den schier unzähligen Aspekten dieses Themas zu befassen und seinen eigenen Umgang mit Komapatienten kritisch zu hinterfragen. Insbesondere die Frage nach dem etwaigen Vorhandensein eines Bewusstsein bei komatösen Patienten und ihres mutmaßlichen Willens ist von wesentlicher ethischer und notfallmedizinischer Relevanz.

Demenzerkrankungen
Dies ist wohl eines der wichtigsten Themen des Buches, wenn man bedenkt, was in den nächsten Jahrzehnten noch auf unsere überalternde Gesellschaft zukommen wird. Das Buch gibt hier Hinweise auf den Umgang mit Willensäußerungen von Demenzpatienten und weckt ein Grundverständnis für die neurobiologischen Prozesse, die zu den teilweise ziemlich schwierigen Situationen im Umgang mit Demenzerkrankten beitragen. Auch wird der Leser zur Frage angeregt, inwieweit ein Demenzerkrankter selbstbestimmt behandelt werden kann und sollte.

Das Recht auf Nicht-Wissen
Darf ein Patient entscheiden, was er wissen will und was nicht? Nehmen wir als Beispiel das Risiko an Krebs zu erkranken… Wenn „ja“, steht dem unsere Pflicht zur Offenbarung eines Leidens oder einer Konsequenz nicht im Wege?
Dazu findet sich bei Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Nun steht dem das Recht auf Nicht-Wissen scheinbar diametral gegenüber. Denn ich entscheide als Patient zwar mündig darüber, dass ich etwas nicht wissen will, bin aber auf die Leitung eines anderen angewiesen, der einen informationellen Vorteil hat. Nun bin ich als Therapeut aber eben jene „Leitung“. Insofern kommt mir eine völlig neue ethische Rolle zu. Mit dieser umzugehen will gelernt sein und darüber will nachgedacht werden.

Neuro-Enhancement
In unserer Arbeitswelt ist der Wunsch nach Selbstoptimierung allgegenwärtig. Insbesondere in der Akutmedizin werden wir bereits früh auf das Credo der „Einsatzbereitschaft“ eingeschworen. Bereits heute ist die Zahl der Suchterkrankungen in Hilfsberufen höher als in vergleichbaren Branchen. Was läge also näher, als sich bereits jetzt Gedanken darüber zu machen, wie sich Neuro-Enhancement zukünftig (und vermutlich auch schon gegenwärtig) auf unser Arbeitsumfeld auswirken wird.
In ihrem Abschnitt zum Thema regen die Autoren zu solchen und ähnlichen Gedanken an…

Am Ende also eine klare Leseempfehlung!

Mich hat das Buch übrigens auch neugierig auf den Rest der HINTERGÜRNDE-Reihe gemacht. Vielleicht findet sich ja nochmal die Gelegenheit an dieser Stelle ein weiteres Buch davon zu besprechen…