Der alte Doktor und seine Kinder

In meiner neuen Reihe „Vorbilder“ möchte ich über die Ärztinnen und Ärzte erzählen, deren Geschichte mich dazu bewogen hat, Medizin als etwa gesellschaftliches zu begreifen. Aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen, erscheint es mir angebracht, als allererstes von einem Mann zu schreiben, der für mich einer der aufopferungsvollsten Menschen der Geschichte war.

Hendryk Goldszmit wurde an einem Montag geboren. Oder an einem Dienstag. Ganz genau weiß man das nicht. Die Quellen sind sich einig darüber, dass er an einem 22. Juli das Licht der Welt erblickte. Das Jahr allerdings kann 1978 oder 1979 gewesen sein. Sein Todesjahr hingegen ist recht genau bekannt, nur der Tag ist eine Vermutung.

Goldszmit wuchs als Teil einer wohlhabenden Familie in Warschau auf. Sein Vater war Anwalt und ein Befürworter der Haskala, der „jüdischen Aufklärung“. Wie auch die christlich-abendländische Aufklärung hatte diese zum Ziel religiöse Dogmen abzustreifen und eine Öffnung der Diaspora zu bewirken. Als der junge Goldszmit 11 oder 12 war, wurde sein Vater schwer krank. Seine wenigen letzten Lebensjahre musste er in einer Nervenheilanstalt verbringen. Für Hendryk Goldszmit war das eine Katastrophe. Als Salonkind war ihm das Spielen draußen verboten, er hätte sich verletzen oder Krankheiten einfangen können. Peinlich genau achteten die Mutter und das Dienstpersonal darauf. Nur der Vater schien ein Herz für die Situation seines Sohnes zu haben und unternahm manchmal heimlich Ausflüge mit ihm, anstatt ihn zur Schule zu schicken. Aber nicht nur emotional war die Krankheit und der spätere Tod des Vaters ein harter Schlag für die Familie. Zunehmend fehlte ihnen das Geld. Goldszmit begann damit Nachhilfestunden zu geben, um sich seine Schulausbildung finanzieren zu können. Außerdem begann er mit dem Schreiben. Sein erster ernstgenommener Text war eine satirische Darstellung der Kindeserziehung. 1898 gewann er einen Schreibwettbewerb unter dem Pseudonym „Janusz Korczak“, ein Name, den er bis zum Ende seines Lebens tragen sollte. Auch dem Thema, über das er geschrieben hatte, blieb er treu. Korczak studierte Medizin, wurde Kinderarzt, arbeitete eine Zeit im Kinderspital, musste für 3 Jahre im russisch-japanischen Krieg kämpfen und ließ sich danach mit einer Praxis in Warschau nieder. Ihm war bewusst, dass ihm als jüdischem Arzt eine akademische Karriere versagt war. Aber er scherte sich nicht darum. Durch die Überbevölkerung in den Städten hatten die Kinder wohl eines der schwersten Lose. Ihnen galt all sein Handeln. Seine Praxis war gelebte Umverteilung. Er hatte sich als Schriftsteller einen Namen gemacht und forderte so, wie er selbst schrieb, „unverschämte“ Preise von den bürgerlichen Familien, deren Kinder er behandelte. Das „Proletariat auf den kleinen Füßen“ behandelte er umsonst. Er hatte außerdem schon früh damit begonnen, seine Urlaube zu opfern, um mit den Kindern in Ferienlager fahren zu können und veröffentlichte eine Schrift nach der anderen über die Situation der Kinder. Seine wohlhabende Klientel vergrault er jedoch nach einige Zeit wieder. Bei den Armen erlebte er Infektionskrankheiten, Hunger und Siechtum. Bei den Reichen überbehütendes Verhätscheln der Kinder und Arztkonsultationen ohne medizinische Grundlage. Er formulierte dies offen, machte sich lustig darüber und geriet in Streitigkeiten, die seine wirtschaftliche Basis gefährdeten.

Ein paar Jahre später hat er den Arztberuf an den Nagel gehängt. Er behandelt nur noch die Kinder des Waisenhauses, das er leitet. Korczak ist Reformpädagoge und führt seine Einrichtung unter hohem Einbezug der Kinder. So gibt es zum Beispiel ein Gericht, welches von den Kindern organisiert wird und das über Verfehlungen des einzelnen Verhandelt. Korczak stand insgesamt sechsmal vor dem Tribunal. Durch Selbstanzeige. Im Kinderparlament wird das alltägliche Leben geregelt. Jeder im Waisenhaus, bis hin zu den kleinsten, hat seine Aufgaben, aber auch seine Rechte. So etwas erscheint uns heute als selbstverständlich. In einer Zeit, in der Gewalt gegen die kleinsten der Gesellschaft noch an der Tagesordnung war, war dies eine kleine Revolution. Auch wird eine Zeitung erstellt. Korczak organisiert all dies, um den Kindern die Lust am Lesen, Schreiben und Selbstdenken zu vermitteln. Als „Alter Doktor“ hat er außerdem eine regelmäßige Radiosendung, in der über Kinder spricht, Kinder zu Wort kommen oder er einige seiner Geschichten erzählt.

Alle Bücher, die er in seinen weiteren Jahren veröffentlicht, versuchen die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse auf eine kindgerechte Weise zu erklären. Seine Tätigkeit wird durch einen Sanitätseinsatz in einem weiteren Krieg unterbrochen und später durch den Einmarsch der Nazis fast gänzlich beendet. Als Zeichen des Widerstandes trägt er bei der Ankunft der Wehrmacht und in den Tagen danach seine polnische Offiziersuniform. Auch weigert er sich die Armbinde mit dem Davidsstern zu tragen, was ihn mehr als einmal fast am Galgen enden lässt. Korczak hat aber ein Talent dafür, mit einem blauen Auge davonzukommen.

Zunehmend verschlechtert sich allerdings die Lebenssituation der Menschen in Polen, vor allem die der Juden. Seinen Höhepunkt findet das mit der Eröffnung des Warschauer Ghettos, einem überschaubaren Areal, welches von heute auf morgen mit mehreren hunderttausend Menschen bevölkert ist. Hunger und Elend regieren schon bald das Alltagsleben. Leichen liegen auf der Straße. Korczak liest einige Kinder auf, die kurz davor sind zu sterben und bietet ihnen ein Heim. Alle kann er jedoch nicht retten. Er wird zunehmend vom Pädagogen zum Vater für die 200 Waisen mit denen er ein Haus teilt. Wie ein Besessener läuft er durch das Ghetto. All seine Kontakte nutzt er, um Lebensmittel aufzutreiben. Er feilscht und droht und flucht und schafft es so, keines seiner Kinder dem Hungertod übergeben zu müssen. Er weiß jedoch nicht, wie lang er diesen Zustand aufrecht erhalten kann. Er beginnt Theateraufführungen mit den Kindern zu organisieren, die das Sterben als etwas thematisieren, dass zum Leben gehört und das es anzunehmen gilt. Unermüdlich versucht er nicht nur seinen Kindern Obdach und Essen, sondern auch seelische Stabilität in einer Zeit der Gefahr zu bieten.

Als der Tag der Räumung der Waisenhäuser ansteht, lässt er die Kinder ihre besten Sachen anziehen. Er weiß, dass niemand von ihnen die Deportation überleben wird. Dass den Kindern aber ihre Würde genommen wird, will er verhindern. Er lässt ein Fahne herausholen.  Auf der einen Seite trägt sie ein Kastanienblatt auf grünem Grund, auf der anderen Seite den Davidsstern. Die Kinder stellen sich in Reihen auf. Korczak schreitet voran. Sie durchqueren das Ghetto bis zum Umschlagplatz. Ihr Marsch wird innerhalb von wenigen Tagen zur Legende. Selbst stramme Nazis sollen, wie bei einer Ehrenzeremonie, an den Straßenrändern Spalier gestanden haben. Mehrfach wurde Korczak angeboten, dass man ihn verschonen würde. Wie schon im Vorfeld immer wieder geschehen, lehnt er auch heute ab: „Sie irren sich, nicht jeder ist ein Schuft.“ Seine Kinder lässt er nicht alleine nach Treblinka fahren.

Janusz Korczak hat sich nicht geopfert, um das Leben seiner Kinder zu retten. Diese Macht hatte er nicht. Er opferte sich, um ihnen die Furcht zu nehmen. Sein Tod ist eins mit seiner Lebensaufgabe. Er heilte Kinder als Arzt, zog sie als Pädagoge groß und nahm ihnen als Mensch die Angst.