Buchrezension: Mittelpunkt Mensch von Giovanni Maio

Beschäftigt man sich mit medizinischer Ethik, kommt man nicht an dem Namen Giovanni Maio vorbei. Der 1964 in San Fele geborene Arzt und Philosoph habilitierte im Jahre 2000 mit einer Auseinandersetzung über die Forschung an nicht-einwilligungsfähigen Patienten. Seit 2005 ist er Professor für Bioethik und Medizinethik in Freiburg.

m_1512488007.jpgIhn zeichnet insbesondere aus, dass er nicht nur den akademischen Diskurs führt, sondern auch in regelmäßigen Abständen populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht. Das Wort populärwissenschaftlich ist dabei keineswegs böse gemeint. Maio tritt mit diesen Büchern an die gesamte Gesellschaft heran, was nicht nur begrüßenswert ist, sondern auch notwendig zu sein scheint.

Der Schattauer Verlag war so freundlich mir ein Rezensionsexemplar der in diesem Jahr erschienen 2. Auflage von „Mittelpunkt Mensch“ zukommen zu lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Bücher handelt es sich hierbei explizit um ein Lehrbuch. Dies wird durch die insgesamt 44 Fallgeschichten nochmals bekräftigt, die den Praxisbezug erleichtern sollen.

 

Das Buch umfasst zehn Abschnitte mit insgesamt 35 Kapiteln und eine Einführung in die Frage „Wozu Ethik in der Medizin“. Die Abschnitte sind didaktisch so gegliedert, dass der Leser zunächst an die philosophischen und historischen Grundlagen sowie die begrifflichen und methodischen Notwendigkeiten herangeführt wird, bevor er sich mit dem Verhältnis von Arzt und Patient bzw. den ethischen Prinzipien der Pflege auseinander setzen kann. Das klingt natürlich erst einmal müßig. Es ist aber ohne Probleme möglich zwischen den Abschnitten zu springen und einfach an einer für einen selbst interessanten Stelle einzusteigen. Grade etwas vorgebildeten Lesern, könnten die ersten Kapitel zu oberflächlich sein.

In den Kapiteln über die Arzt-Patienten-Beziehung bzw. die Pflegeethik dürften aber auch Fortgeschrittene den ein oder anderen schönen Gedanken finden. Mich hat besonders das Kapitel zur Ethik in der Kinder- und Jugendmedizin begeistert, in der Grundüberlegungen zu einer kindorientieren Ethik angestellt werden und ausgiebig über die Frage diskutiert wird, wieviel Selbstbestimmtheit Kinder haben sollten und wo es Sinn macht, dass Erwachsene in ihrem Sinne entscheiden. Auch das direkt folgende Kapitel über die Ethik in der Psychiatrie ist spannend aufbereitet und schildert ausgiebig die Konfliktfelder, die ihr innewohnen. Der Abschnitt zur Ethik in der Pflege wurde extra für die Neuauflage angefertigt, die mehr als 50 Seiten dicker ist, als die vorherige. Es ist wunderbar geschrieben, aber recht kurz ausgefallen und dürfte meines Erachtens in den Folgeauflagen gerne noch erweitert werden.

In den folgenden Abschnitten widmet Maio sich den ethischen „Spezialthemen“, wie er sie nennt. Er bespricht unter anderem Stammzellenforschung, Pränataldiagnostik, Schwangerschaftsabbruch, Wunscherfüllende Medizin und das Verhältnis von Medizin und Ökonomie. Er bemüht sich dabei stets um eine saubere Abgrenzung der Argumente und um ein differenziertes Bild. Dies gelingt ihm jedoch, so wie es beinahe schon ein Naturgesetz der Ethik ist, manchmal nur bedingt. Auch als Ethiker, oder grade als Ethiker, ist man nicht frei von einer persönlichen Haltung zu richtig und falsch. So fällt zum Beispiel die Gewichtung der Argumente gegen die Präimplantationsdiagnostik stärker aus, als die für das Verfahren. In meinen Augen ist so etwas für ein Lehrbuch eigentlich etwas unglücklich… Und uneigentlich?
In diesem Falle ist das wohl nicht nur verzeihbar, sondern etwas Gutes. Maio argumentiert präzise und fundiert, aber nicht dogmatisch. Hier unterscheidet sich das gute ethische Lehrbuch nun einmal vom guten medizinischen Lehrbuch. Bei letzterem wünscht man sich klare Aussagen, etwa zur Diagnostik und Therapie von Krankheiten. Bei erstgenanntem wünscht man sich wirkungsvolle Argumente, die im eigenen Kopfe kreisen und einen zum Nachdenken anregen. Widersprechen ist dabei, sofern man es ebenso gut durchdacht tut wie der Autor, ausdrücklich erwünscht.

Auf die Spezialthemen folgt ein Abschnitt über die Ethik am Ende des Lebens, welcher aus aktuellem Anlass ganz zu meiner Freude, ein Kapitel zum Umgang mit dem Leichnam im Studium enthält. Er ist kurz und prägnant und sollte als Pflichtlektüre vor jedem Präparationssaal ausgehängt werden. Aber auch Aspekte zur Sterbehilfe und zur gesellschaftlichen Betrachtung des Sterbeprozesses werden hier thematisiert.

Maio beschließt das Buch mit einem letzten Abschnitt, der ganz unprätentiös als „Abschluss“ bezeichnet wird. Er ist jedoch mehr als das. Vielmehr ist er als ein lautstarker Ruf nach einer „Medizin der Zuwendung“ zu verstehen. Das für mich wohl schönste Zitat hier lautet: „Was unsere Zeit von guten Ärzten sowie von einer guten Pflege verlagt, ist […] das Selbstverständnis einer Persönlichkeit, die hinter die Gesetze der reinen Zweckmäßigkeit zu blicken und über ihr jeweiliges Fachwissen hinaus die Frage nach dem Ganzen zu stellen vermag. Dieses Ganze ist der Mensch in seiner Stellung zur Welt, die ihn umgibt und die er zugleich ist.“

Fazit: Giovanni Maio hat seinem ohnehin schon gelungenen Lehrbuch in der Neuauflage nochmals etwas mehr Bedeutung verliehen. Es ist ausführlich geschrieben, umfasst zahlreiche Themenbereiche und regt zum Nachdenken an. Wünschen würde ich mir für die Zukunft eine noch stärkere Betonung der Ethik in den nicht-ärztlichen Professionen und ein Kapitel über Ethik in der Notfallmedizin. Ich kann das Buch tatsächlich jedem im medizinischen Bereich tätigen Menschen und interessierten Laien empfehlen. Zumindest stellenweise sollte es flächendeckend Eingang in die Ausbildung von ärztlichem und nicht-ärztlichem medizinischen Personal finden. Eine Voraussetzung ist hier jedoch ein Dozent, der in der Lage ist den entstehenden Diskurs mit den Studenten auch angemessen zu führen, denn Ethik ist und bleibt diskursiv.

Zum Buch
Mittelpunkt Mensch, 2. Auflage
Giovanni Majo
Schattauer Verlag Stuttgart, 2017
29,99 Euro