Ausbildung vs. Erfahrung

dogs-974547_1920Derzeit geistert ein Erlass aus Hessen durch die einschlägigen Foren. In Kürze zusammengefasst ordnet er an, dass Rettungsmittel in Hessen (im Sinne der Behandlungsverantwortung) primär durch Notfallsanitäter geführt werden sollten. Dies treffe auch auf die Konstellation Rettungsassistent und Notfallsanitäter auf dem selben Fahrzeug zu. Der Notfallsanitäter sei hier, unabhängig aller Übergangsregelungen, automatisch als Verantwortlicher einzusetzen.

Dies sorgt für Zündstoff unter vielen Kollegen. Immerhin geht es dabei um die Frage nach der eigenen Kompetenz. Exemplarisch liste ich hier einige Argumente aus den von mir erlebten Facebookdiskussionen auf:

„Der 20j NFS hat nun leider mehr Plan von der Materie Medizin. Liegt einfach an der besseren Ausbildung.“

„Ich bin seit Januar NFS (vorher 13J RA) und ich würde meinem alten RA was husten, wenn er meint er muss mir meinen Job vorschreiben.“

„Ich möchte nicht alle neuen NFS über einen Kamm scheren, was mir zur Zeit begegnet als ‚Alter‘ RA stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Mal gerade knapp über 20 & NFS , […] und die Weisheit mit Löffeln gefressen.

„Bei mir zählt der Patient und da haue ich auch einem NFS auf die Finger wenn es sein muss.“

„Ganz ehrlich freue ich mich auf die ersten komplett nach dem neuen Gesetz ausgebildeten NFS! Also 3 Jahre Ausbildung auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Von Schulen die nach international anerkannten Curikula und belastbaren Studienlagen und nicht nach hauseigenen Lehraussagen ausbilden!“

„Und ja… Natürlich werden die jetzigen RettAss irgendwann, mehr oder weniger, die zweite Geige spielen. Aber mal ganz ehrlich: Niemand wird gezwungen RettAss zu bleiben. Jeder kann sich, unter bestimmten Voraussetzungen, zum NFS fortbilden (lassen).“

Diese Diskussionen habe ich im übrigen auch mehrfach offline erlebt. Die Argumente waren häufig die selben. Die Gespräche verliefen immer leidenschaftlich aber wenig sachlich.

Im Folgenden will ich also versuchen, eine Analyse der genutzten Begrifflichkeiten durchzuführen, um meine eigene Meinung zu der Thematik deutlich zu machen.

Zuallererst muss ich jedoch sagen:
Ich bin nicht unparteiisch. Ich selbst bin Notfallsanitäter, widme mich der Notfallsanitäteraus-, -fort- und -weiterbildung seit dem Zustandekommen des Gesetzes und habe einen großen Teil meiner wirtschaftlichen Existenz auf dieses Feld verlagert. Diese Tatsachen machen mich innerhalb dieser Debatte „betroffen“ und Betroffene sind häufig schlechte Ratgeber. Allerdings dürfte man kaum einen Kollegen finden, dem das nicht so geht. Immerhin ist diese neue Qualifikationsstufe im Rettungsdienst eine, die unser gesamtes berufliches Umfeld verändert.

Um was geht es?

Da gibt es nun also diese zwei Seiten. Die einen denken, der Notfallsanitäter sei, da besser ausgebildet, in jedem Falle vorzuziehen. Die anderen sind in Sorge darüber, dass all ihre Erfahrung, die sie in den letzten Jahren gesammelt haben, auf einmal nichts mehr wert sein soll. Herunter gebrochen geht es also um die Frage nach „Ausbildung“ und „Erfahrung“.

De jure ist die Angelegenheit eindeutig. Der formal Qualifiziertere trägt die Verantwortung. Dennoch muss die Frage erlaubt bleiben, ob eine Qualifikation im Sinne einer bestandenen Prüfung de facto ausreicht, um wirklich die höhere Arbeitsqualität bieten zu können. Ein hier gerne genutztes Argument ist die vermeintlich „bessere Ausbildung“ von heutigen Notfallsanitätern. Festzuhalten ist jedoch, dass es bisher kaum ausgebildete Notfallsanitäter gibt. Denn ein Vorbereitungskurs auf eine Ergänzungsprüfung oder ein Vollexamen stellt keine Ausbildung, sondern im besten Falle eine Weiterbildung dar. Die einzigen Kollegen bei denen man von einer Ausbildung sprechen könnte, sind die Kollegen der Ergänzungslehrgänge, von denen es aus Kostengründe kaum welche gab. Bleibt also vielmehr nur die Prüfung und eben nicht die Ausbildung als derzeitig gültiges Argument.

Allerdings ist fraglich, und sogar unter Pädagogen umstritten, inwieweit eine Prüfung die tatsächliche Kompetenz einer Person abbilden kann. Denn Kompetenz als solche ist nicht sichtbar. Stattdessen wird die sogenannte Performanz gemessen, also die „Handlung aus der Kompetenz“ heraus. Da Kompetenz, wie gesagt, nicht direkt sichtbar ist, ist die indirekte Messung über die Performanz eine schlaue Lösung des vorliegenden Messproblems. Ähnlich gehen Physiker auf der Suche nach schwarzen Löchern vor. Gleichzeitig jedoch wirft die indirekte Messmethode neue Fragen auf:

Ist das in der Prüfung Gezeigte die wirkliche Kompetenzabbildung des Prüflings?

Könnte die Prüfung an einem anderen Tag besser oder schlechter absolviert werden?

Welche Einflussfaktoren sind für das jeweilige Prüfungsergebnis relevant?

Ist die in einer künstlichen Prüfung gezeigte Performanz gleichzusetzen mit der Kompetenz einen realen Notfallpatienten zu versorgen?

Es gibt hier noch unzählige weitere Fragen, aber eben diese letzte Frage ist die für unsere Zwecke interessanteste. Genau hier zeigt sich, dass die Möglichkeit besteht, dass wir derzeitigen Notfallsanitäter zwar formal qualifizierter, aber faktisch eben nicht unbedingt kompetenter sein müssen, als Kollegen, die (noch) keine Prüfung absolviert haben.

Selbst wenn wir neu ausgebildete Notfallsanitäter (im Sinne der dreijährigen Ausbildung) mit berufserfahrenen Rettungsassistenten vergleichen würden, bliebe die Problematik unverändert bestehen. Auch wenn darauf gehofft wird, dass die Schulen nach den modernsten Standards ausbilden, ist ein Großteil des rettungsdienstlichen Wissens „Erfahrungswissen“ und nicht wissenschaftlich belegt. Vornehmlich liegt dies darin begründet, dass rettungsmedizinische Forschung kaum vorhanden ist. Schaut man sich die Empfehlungsgrade in den Reanimationsleitlinien (AHA sowie ERC) an, stellt man rasch fest, dass in Ermangelung besserer Daten hauptsächlich Expertenmeinungen und Low-Data-Studien für die Empfehlungen herangezogen werden müssen. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber eben auch nicht wirklich evident. Auch wenn wir uns wünschen, dass die evidenzbasierte Medizin unsere Ausbildung revolutioniert, ist dies noch lange nicht der Fall. Diese Ambiguität gilt es auszuhalten.

Also welchen Stellenwert hat nun eine bessere Ausbildung, wenn keine oder nur wenig Berufserfahrung vorhanden ist?

Kompetenz durch Berufserfahrung ist ebenso schwer messbar, wie Kompetenz im Rahmen einer Prüfung zu messen ist. Dabei muss beachtet werden, dass Berufserfahrung lediglich einen quantitativen und eben keinen qualitativen Faktor darstellt. Dementsprechend müssen auch hier Fragen gestellt werden dürfen:

Was ist das Tätigkeitsprofil des Arbeitnehmers?

Welche Einsatzszenarien sind erlebt worden?

Sind bereits erweitere Versorgungsmaßnahmen in Eigenverantwortung durchgeführt worden?

Was hat der Arbeitnehmer zur Aufarbeitung der erlebten Einsatzszenarien unternommen?

Wurde die Berufserfahrung unter Supervision erworben?

Wie ist die Reflexionsfähigkeit des Arbeitnehmers?

Ohne dass diese und noch weitere Fragen beantwortet werden, ist eine Kompetenzableitung aus der Berufserfahrung nicht im Entferntesten möglich. Fakt ist aber: Berufsanfänger machen durchschnittlich mehr Fehler als Kollegen mit einer entsprechenden Berufserfahrung. Dies wiederum ist ein indirekter Indikator für die große Rolle, die Berufserfahrung im Rahmen beruflicher Kompetenzausbildung spielt. (Anm.: Natürlich machen auch die Erfahrenen eine Menge Fehler. Mir ging es bei dem Argument um eine statistische Häufung)

Aus den gestellten Fragen ist auch abzuleiten, dass in der Debatte „Erfahrung vs. Ausbildung“ verschiedene andere Aspekte, wie zum Beispiel eine stetige „Fortbildung“ oder bestehende Rahmenbedingungen im Sinne von „Qualitätssicherungssystemen“ unberücksichtigt bleiben. Grade aber diese Aspekte sind von entscheidender Bedeutung, wenn es um die Frage geht, wer in welcher Situation der kompetentere Ansprechpartner ist. So kann ein Rettungsassistent, der schon seit Jahren durch entsprechend vorliegende SOPs eigenverantwortlich Medikamentengaben durchführt, deutlich kompetenter sein, als es ein frisch geprüfter Notfallsanitäter, der über eine solide Ausbildung, aber nicht über den entsprechenden Erfahrungshintergrund verfügt. Zusammenfassend würde ich sogar behaupten, dass Kompetenz am ehesten durch eine Mischung aus Ausbildung, Fortbildung, Erfahrung und Rahmenbedindungen erlangt werden kann. Es gibt also kein „Versus“ bei der Frage nach Ausbildung und Erfahrung. Beide Aspekte sind Teil eines größeren Aspektes.
Hier gibt es, insbesondere zum Professionalitätsbegriff, gutes Material von Redelsteiner.

Wie aber ist nun zu verfahren?

Wie ich einleitend schon schrieb, gibt es einen formal-juristisch richtigen Weg zur Besetzung der Rettungsmittel. Der Notfallsanitäter sollte den Einsatz leiten. Dies passt nicht jedem, aber wir brauchen ein klares Statement zu diesem neuen Berufsbild. Alles andere würde die Anstrengungen der letzten Jahre ad absurdum führen. Dennoch habe ich versucht aufzuzeigen, dass kein Grund für Überheblichkeiten seitens der Notfallsanitäter besteht, da ihre Qualifikation nicht unbedingt ihre tatsächliche Kompetenz ausdrücken muss. Selbiges gilt allerdings auch für „erfahrene Rettungsassistenten“. Denn alle quantitative Erfahrung nützt ohne eine entsprechende Haltung zur Bewertung dieser Erfahrung und der Anpassung des eigenen Verhaltens für die Zukunft nur wenig. Diesen Widerspruch sollte man unbedingt im Hinterkopf behalten. Auch hier ist Ambiguitätstoleranz gefragt.

Auch würde ich gerne nochmal auf die Inhalte der NotSan-APrV hinweisen, welche die Basis für die Ausbildung und Prüfung von (angehenden) Notfallsanitätern darstellt. Ein eigener Themenbereich widmet sich hier der „Teamarbeit“. Ich möchte appellativ darauf verweisen, dass innerhalb eines Teams nicht unbedingt nur Top-Down gearbeitet werden muss. Legt man das Richter-Modell zu Grunde, ist es von entscheidender Bedeutung, ohne Ansehen der jeweiligen Qualifikation, alle verfügbaren Ressourcen des Teams zu mobilisieren. Dies wird dem Notfallsanitäter aber nur gelingen, wenn er Verständnis für die schwierige Lage anderer Kollegen und die Komplexität der Thematik entwickelt und eben nicht, wenn er auf Befehl-und-Gehorsam besteht. Immerhin geht es für viele Kollegen bei diesem Konflikt um ihre berufliche Kompetenz und Existenz.

Wie aber kann dieser Konflikt praktisch bearbeitet werden?

Gefragt sind hierbei die Führungskräfte der einzelnen Wachen. Im Rahmen von Teambesprechungen und anonymen Briefkästen sollten die Gefühle und Meinungen der Mitarbeiter zu diesem Problemfeld ermittelt und erörtert werden. Die Implementierung von klaren Standards, im Sinne von 4-Augen-Regelungen können zur Konfliktauflösung beitragen. Daneben muss dringend ein betrieblicher Weiterbildungsplan erstellt werden, damit noch nicht weitergebildete Kollegen keine Sorge um ihre berufliche Perspektive haben müssen. Mit Mitarbeitern, die die Weiterbildung nicht absolvieren wollen, sollten Gespräche in Bezug auf die Personalentwicklung geführt werden. Bei der Patientenbehandlung sollte sachbezogen gesprochen und im Sinne eines guten CRM ebenbürtig kommuniziert werden.
An den Wachen sollte eine offene Gesprächskultur geschaffen werden. Dies kann zum Beispiel durch die Einbeziehung von Praxisanleitern im Sinne von „Moderatoren“ geschehen. Vgl. hierzu auch „Peer-Prinzip“.

Ziel sollte es in meinen Augen sein, sich nicht „wie eine Sau durch’s Dorf treiben“ zu lassen, sondern einen solidarischen und patientenorientierten Umgang mit den eigenen Kollegen zu entwickeln.