Arztberuf in der Krise | Thieme

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Das Buch „Arztberuf in der Krise“ von Professor Santiago Ewig trägt den Untertitel „Vom Suchen und Finden der guten Medizin“. Ein hehres Ziel und es bleibt abzuwarten, ob das Werk seinem Anspruch gerecht werden kann.

Allerdings sollte gleich zu Beginn angemerkt werden, dass die „gute Medizin“ vom Autor recht bewusst in Anführungsstriche gesetzt worden ist.

Das Buch ist in der hier schon an anderer Stelle erwähnten „Hintergründe-Reihe“ des Thieme-Verlags erschienen. Da ich das Buch, wie auch die letzten Male, vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen habe, unterliege ich einem Interessenkonflikt.

Ich will mich aber bemühen, diesen in meine Beurteilung nicht einfließen zu lassen.

Santiago Ewig ist Internist, Infektiologe, Pneumologe und Intensivmediziner. Als Chefarzt eines Thoraxzentrums im Ruhrgebiet und Hochschuldozent genießt er weitreichende fachliche und wissenschaftliche Anerkennung. Daneben ist er Autor vieler Schriften über medizinische Ethik und Essayist.

Das Buch gliedert sich in 22 Kapitel und hat einen Seitenumfang von 248 Seiten. Ganz zu Anfang führt Ewig uns durch die verschiedenen Schauplätze medizinischen Handelns: Krankenhausstationen, Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen,…
Er versucht uns zu zeigen, wie diese Orte funktionieren und welche Rolle die moderne Medizin in ihnen spielt. Dabei führt er uns auch zurück in die Geschichte. In die Zeit, in die Descardes das „Maschinenmodell“ geschaffen hat, welches wegbereitend für das heutige Wissenschaftsverständnis war und ist. Gleichzeitig aber stellt Santiago Ewig dieses Modell als allgemeingültig in Frage, da es dazu neigt seelisches Erleben zu biologisieren.

Damit sticht er in ein Wespennest. So zumindest bei mir, denn ich habe mich mehrfach dabei erwischt, in meinem Kopf mit ihm über seine Ansichten zu diskutieren. Ich teile viele von ihnen, aber nicht alle. Einige halte ich sogar in einem Diskurs für nicht haltbar. Allerdings schätze ich seine gedankliche Stoßrichtung. Seine Vorstellung „guter Medizin“ ist selbst eine „gute Vorstellung“. Sie könnte vielen von uns als Beispiel und als Vorbild dienen.

Eine besonders interessante Diskussion, die Ewig anstimmt, ist die um die „evidenzbasierte Medizin„, denn im Gegensatz zu vielen anderen Autoren führt er auch ihre Grenzen und ihre Kritikpunkte auf. Dabei bezieht er sowohl die mögliche Ungenauigkeit wissenschaftlicher Fragestellung als auch den Einfluss ökonomischer Interessen in das Studiendesign mit ein.

An anderer Stelle hinterfragt er den Begriff der „Patientenautonomie“. Dies ist auch der Punkt, an dem ich sein Buch wirklich schätzen gelernt habe. Als eines der 4 medizinethischen Prinzipien (Childress und Beauchamp) kommt der Patientenautonomie ein hoher Stellenwert zu. Die Loslösung aus paternalistischen Strukturen hat auch zu einer Zurückstellung des Nutzen-Imperativs geführt, der die Medizin seit ihrem Anbeginn begleitet hat. Oftmals ist es jedoch so, dass Patienten eine Autonomie ohne gleichzeitigen Rückhalt zugemutet wird: Eigenverantwortung als Kampfbegriff. Denn kaum ein Patient ist in der Lage medizinische Informationen zu verarbeiten und auf ihrer Basis Entscheidungen für sein eigenes Leben zu treffen. Genau dies ist jedoch der Fall, wenn die Autonomie um ihrer Selbst willen und nicht im Sinne des Patienten verstanden wird.

Alles in allem ist das Buch also eine Kaufempfehlung. Allerdings sollte es, grade von einem philosophischen Standpunkt aus, nicht unkritisch betrachtet werden.

Insbesondere Ewigs Kritik an der Embryonenforschung empfinde ich im Kontrast zur Zitierung Heideggers als ungeschickt. Der Autor begründet den Sinn eines Verbots der Forschung an Stammzellen von abgetriebenen Embryonen aus dem Ausland von einem eher theologischen Standpunkt aus. Er führt an, dass es nicht „richtig“ sei, auf die Daten zuzugreifen, da ihrer Gewinnung ein unethisches Handeln zugrunde liege. Scheinbar beruft er sich dabei auf deontologische Prinzipien. Einige Kapitel später richtet er seine Argumentation jedoch an Heidegger aus, der als anfänglicher Bewunderer und Unterstützer der Nazis bekannt ist. Man mag von Heidegger und vom Streit um seinen Wert für die Philosophie halten, was man möchte, aber wenn man aus einer moralischen Sicht davon ausgeht, dass Daten „ethisch verbrannt“ sein können, muss dies auch auf philosophische Ansätze übertragen werden. Alles andere macht das Denkkonzept unglaubwürdig.

Ich bin übrigens nicht weit Weg von Ewigs Positionen. Embryonenforschung ist schwierig und ich tendiere eher dazu diese abzulehnen, als zu befürworten. Aber es muss nun mal der richtige Begründungszusammenhang her.

Auch das am Ende des Buches vorgestellte Konzept des christlichen Arztes stößt mir etwas auf, da ich seit jeher die Position vertrete, dass medizinische Ethik keinen Glauben braucht. So zum Beispiel ist es in Deutschland Usus, aber unnötig, dass regelmäßig Religionsvertreter in Ethikkomissionen sitzen, auch wenn über die Situation atheistischer oder agnostischer Patienten beraten wird. Das ist anmaßend und entspricht einem religiösen Selbstverständnis, welches paternalistischer nicht sein könnte.

Das tut der Eingangs erwähnten und von mir an Ewigs Buch so geschätzten Stoßrichtung aber keinen Abbruch: Ewig scheint mir recht nahe an befreiungstheologischen Positionen zu sein, von denen ich durchaus einige teilen kann.

Vielen Dank an dieser Stelle also, lieber Professor Ewig, für das anregende Buch. Ich freue mich, das Ihnen die Drucklegung ermöglicht wurde und kann es meinen Lesern nur empfehlen. Auch wenn wir nicht in allem einer Meinung sind.

Ω
Titel:            Arztberuf in der Krise
Autor:          Santiago Ewig
Verlag:         Thieme Verlag
ISBN:            978-3-13-204841-6
Auflage:       1. Auflage, 2015