Amok

Chess
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Dieser Artikel eines großen deutschen Wochenblattes hat mich etwas fassungslos zurück gelassen.

In mehrfacher Hinsicht…

München im Ausnahmezustand. Ein Terroranschlag steht im Raum. Ein junger Mann ruft die 112. Der Disponent verweist auf die Lage und ergänzt, dass der Anrufer die aufgefundene bewusstlose Person selbst ins Krankenhaus bringen könne. Erwähnte Zeitung berichtet: „Münchner von Rettungskräften im Stich gelassen“.

Die Redewendung „im Stich lassen“ verweist auf die Zeit der Ritterturniere und meint, dass jemand seinen Kampfgefährten „im Stich des Gegners lässt“, wenn er dessen Rücken nicht deckt oder sich zurückzieht. Dieses Verhalten würde man heute als illoyal bezeichnen und Illoyalität ist etwas, dass ein Mitstreiter im Kampfe keinesfalls an den Tag legen sollte. Beziehen wir die Situation auf einen Patienten und nicht auf einen Kampfgefährten, scheint das Ganze noch prekärer. Immerhin ist dieser in einer schutzbedürftigen Situation. Auch hat er nach deutschem Recht einen Anspruch auf Hilfe. Dies ergibt sich aus einer Mischung aus dem Grundgesetz, der Hilfeleistungspflicht und der Garantenstellung aller Teilnehmer der öffentlichen Daseinsvorsorge.

In dieser Situation ist es allerdings so, dass taktische Belange gegen eine Entsendung von Hilfskräften sprachen. Moralisch schwierig, aber eine Situation an der wir offenbar von der Öffentlichkeit gemessen werden…
…und das übrigens vollkommen zurecht: Wenn unser Handeln keiner ethischen Prüfung mehr standhält, ist es nicht statthaft.

Schauen wir hierzu exemplarisch in die Deklaration von Lissabon des Weltärztebundes. Sie handelt von „den Rechten des Patienten“ und wird als einer von vielen Meilensteinen im medizinethischen Diskurs betrachtet.

Info: Im folgenden werden gesetzliche Vorgaben mit Beschlüssen des Weltärztebundes vermengt. Dies ist juristisch natürlich sehr ungenau und soll lediglich einer kurzen Darstellung aus ethischer Perspektive dienen!

Zwei Aspekte der Deklaration sollen einmal zur Diskussion herangezogen werden:

  1. Das Recht auf qualitativ hochstehende ärztliche Versorgung
  • Jeder, ohne Unterschied, hat ein Recht auf angemessene ärztliche Versorgung.
    […]
  • In den Fällen, wo für eine spezielle Behandlung, die nur in begrenztem Maße zur Verfügung steht, unter mehreren Patienten eine Auswahl getroffen werden muß, haben all diese Patienten das Recht auf ein faires Auswahlverfahren für diese Behandlung. Diese Auswahl muß auf medizinischen Kriterien beruhen und darf niemanden diskriminieren.

Hieraus folgt, dass jedem Menschen bei Bedarf eine ärztliche Behandlung zusteht. Diese muss zudem qualitativ hochstehend, also an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet sein und nach neusten Standards erfolgen.

Da ein Bewusstloser nicht mehr in der Lage ist, selbst einen Arzt aufzusuchen, muss er von daher aktiv einem Arzt vorgestellt werden. Hierbei ist die Frage, ob dies durch eine speziell beauftragte juristische Person (Rettungsdienst) oder im Rahmen der Hilfeleistungspflicht eines „zivilen“ Bürgers gewährleistet werden muss. Ein Blick in das Bayrische Rettungsdienstgesetz (BayRDG) zeigt auf, dass die Öffentlichkeit im Freistaat ein „Anrecht auf Rettung“ durch den Rettungsdienst hat.

Die Deklaration von Lissabon gibt allerdings auch eine mögliche Ausnahme für das Anrecht auf bestimmte medizinische Behandlungen an. Diese Ausnahme bezieht sich auf das Missverhältnis zwischen Bedarf und Angebot medizinischer Behandlungsmöglichkeiten. Es wird also auf einen Verteilungskonflikt hingewiesen.

Dieser ist recht klassisch für medizinische Leistungen:
Etwa bei Intensivbetten in Krankenhäusern oder bei der Vergabe von Spenderorganen.

An dieser Stelle, des Überblicks halber, eine kurze Zusammenfassung:
Ein bewusstloser Mann wird im Rahmen einer größeren Lage aufgefunden, er hat nach dem BayRDG und nach der Deklaration von Lissabon, das Anrecht auf die Behandlung durch einen Arzt. Allerdings könnte ein Verteilungskonflikt von Gesundheitsleistungen im Raum stehen, welcher einer bestimmten Behandlung (nicht aber der allgemeinen diagnostischen Abklärung eines Leidens) entgegenstehen könnte.

Dass ein solcher Konflikt vorlag, ist nicht so recht ersichtlich. Es haben vermutlich ausreichend Rettungsmittel zur Verfügung gestanden. Diese wären vielleicht nicht in einer angemessenen Frist vor Ort gewesen, hätten aber in Bewegung versetzt werden können. Vielmehr lag kein Verteilungskonflikt medizinischer Versorgungsangebote, sondern ein Defizit in der Verfügbarkeit von Polizeikräften zur Absicherung der Rettungskräfte vor.

Dies ist, wenn man die Lage betrachtet, nur allzu verständlich. Keiner von uns möchte sich dem Risiko aussetzen, Opfer eines „Second Hit“ zu werden. Zu Anfang habe ich die Maßnahmen der Polizei daher noch voll umfänglich nachvollziehen können. Inzwischen, mit etwas emotionalem Abstand, bin ich allerdings deutlich skeptischer geworden. Das Lahmlegen einer kompletten Stadt wegen eines einzelnen Amokläufers scheint irrational.

Einen großen Anteil am Maßnahmenumfang der Polizei, sei er nun gerechtfertigt gewesen oder auch nicht, hatte aberunabhängig davon die Berichterstattung der Medien. Eingangs erwähnte Wochenzeitung war dabei eine der ersten Quellen, die von einem Terroranschlag sprach, obwohl dies zu keiner Zeit vom Pressesprecher der Polizei als definitiver Tathintergrund angegeben wurde. Selbst wenn dies als Tatmotiv genannt worden wäre, wäre es die erste Pflicht der Medien, alle Sachverhalte im Sinne der Wahrheitsfindung zu prüfen und zu hinterfragen. Dies hat weniger etwas mit Misstrauen gegenüber der Polizei, sondern vielmehr etwas mit einer angemessenen Rollenverteilung innerhalb eines demokratischen Systems zu tun.

Auf einen solchen Zug der Panikmache durch die Presse springen dann politische Agitatoren nur allzu gerne auf. Dies führt zur allgemeinen Verunsicherung und möglicherweise zu (überzogenen?) Reaktionen von Polizei und anderen Einsatzkräften. Und dann, nach dieser Peinlichkeit für das journalistische Handwerk, haben die Berichterstatter auch noch die Hybris zu berichten, dass jemand „im Stich gelassen worden“ sei, ohne ihre eigene Rolle im „Räderwerk Angst“ zu beleuchten.

Das Ganze geschieht dann, wie im vorliegenden Fall, auf Kosten der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Dies darf allerdings keinesfalls geschehen, zumal wir damit rechnen müssen, dass das nicht die letzte Situation dieser Art in Deutschland gewesen sein wird.

Am Ende steht also die Frage:
Wie hätte dem Patienten ohne eine Gefährdung der Einsatzkräfte am besten geholfen werden können? Und wie kann sowas zukünftig gelingen?

Idealerweise, indem nicht jeden Tag der Untergang der Zivilisation hinauf beschworen wird.
Das Feld darf nicht den keifenden Wichtigmachern überlassen werden. Die Mauern von Jericho werden nicht fallen, wenn wir Ruhe, Klugheit und Sachlichkeit walten lassen. Der beste Schutz für Einsatzkräfte und Patienten ist die kritische Reflektion der Geschehnisse und nicht die Angst, in die man uns versetzen möchte.